Von den Chemiemülldeponien in das Trinkwasser von 200'000 Menschen

 

Der Entwurf einer Studie der Uni Basel, den die BaZ heute am 12. November 2010 veröffentlicht, zeigt: Unter gewissen Voraussetzungen können Schadstoffe von den Muttenzer Chemiemülldeponien in die Trinkwasserbrunnen der Hardwasser AG und der Gemeinde Muttenz gelangen. Dieses Wasser trinken täglich über 200'000 Menschen in den Kantonen Basel-Land und Basel-Stadt. Somit bestätigt die neuste Studie, wovon der Liestal Geologe Hansjörg Schmassmann schon 1986 überzeugt war, wie mein neues Buch «Falsches Spiel» zeigt. Der Kanton Basel-Land verdrängt damals die Gefahr für das Trinkwasser.

 

Insbesondere das Trinkwasser aus den westlichsten und den östlichsten Brunnen der Hardwasser AG bzw. der Gemeinde Muttenz ist belastet, wie Analysen der letzten Jahre zeigen. Warum? Chemiemüll und Trinkwasser vertragen sich nicht. Diese Binsenwahrheit versuchen die Behörden des Kantons Basel-Landschaft sowie die heute verantwortlichen Chemie- und Pharmafirmen Novartis, Ciba (heute BASF) und Syngenta respektive ihre Vorgängerfirmen seit Jahrzehnten zu widerlegen. Mit schwindendem Erfolg, wie ein Artikel aus der Basler Zeitung vom 12. November 2010 vor Augen führt.[1] Der Entwurf einer neuen Studie der Abteilung «Angewandte Umweltgeologie» der Uni Basel zeigt: Unter gewissen Voraussetzungen kann verschmutztes Grundwasser aus dem Umfeld der Muttenzer Chemiemülldeponien Feldreben und Rothausstrasse in die Trinkwasserbrunnen am Rand der Muttenzer Hard gelangen. In diesen beiden Deponien liegen tausende von Tonnen hochgiftigem Chemiemüll der Vorgängerfirmen von Novartis, Ciba (heute: BASF) und Syngenta.

 

Gefahr Nord-West-Abfluss ins Trinkwasser seit Jahrzehnten erkannt, aber verdrängt

Dass der Chemiemüll in der Feldrebengrube insbesondere die westlichsten Brunnen der Hardwasser AG verschmutzt, ist keine neue Erkenntnis, wie mein neues Buch «Falsches Spiel. Die Umweltsünden der Basler Chemie vor und nach ‚Schweizerhalle’» vor Augen führt (Kapitel 3.2.2.): Als Hausgeologe des Kantons Basel-Landschaft ist der Liestaler Hansjörg Schmassmann seit den 1950er-Jahren in diesem Gebiet tätig. Er warnt 1960, 1973 und 1981 davor, dass Schadstoffe von der Feldrebengrube in die westlichsten Brunnen der Hardwasser AG gelangen könnten. Im Gefolge der Brandkatastrophe von «Schweizerhalle» findet er in diesen Brunnen 1986 Atrazin. Die Konzentrationen überschreiten den Grenzwert für Trinkwasser um das Dreifache. Woher stammt das Atrazin im Trinkwasser? Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bringen dieses Geigy-/Ciba-Geigy-Herbizid Mitte der 1980er-Jahre auf dem nur 50 bis 100 Meter von der Feldrebengrube entfernten Geleisen des Güterbahnhof Muttenz aus. Nun ist Schmassmann überzeugt: Das Atrazin fliesst vom Güterbahnhof in die westlichsten Brunnen der Hardwasser AG. Er lässt deshalb die Brunnen 17.A.1 und B2 der Hardwasser AG abschalten.

 

Vom Güterbahnhof und der Deponie Feldreben ins Trinkwasser

Wenn aber Schadstoffe vom Güterbahnhof ins Trinkwasser gelangen können, dann gilt dies auch für die Gifte im Grundwasser im Umfeld der Feldrebengrube. Was Schmassmann damals nicht weiss: Auch im Abfall in der Chemiemülldeponie Feldreben findet sich Atrazin, wie Analysen von 2006 zeigen. Das 1986 im Trinkwasser gemessene Atrazin kann also auch aus der Feldrebengrube stammen (vgl. Falsches Spiel, Karte 6, S. 41).

 

Das Jahrzehnte lange Hin und Her um den Nord-West-Abfluss

Der Kanton Basel-Landschaft und die chemische Industrie aber berücksichtigen Schmassmanns klare Erkenntnisse weder in der historischen Studie zu den Muttenzer Chemiemülldeponien noch in den darauf folgenden Untersuchungen. Die Folge ist ein Trauerspiel um den Nord-West-Abfluss: Das von der chemischen Industrie dominierte «Gremium Untersuchung Deponien Muttenz» verneint einen solchen Zufluss in die Trinkwasserbrunnen 2005 kategorisch, wenn auch ohne Gegenbeweis. 2007 schreibt das von der chemischen Industrie und der Gemeinde Muttenz beauftragte Geologiebüro Sieber Cassina + Partner genauso bloss von einer «mutmasslichen Strömungsrichtung», dafür aber von einer «99%-igen Sicherheit, dass ein Abströmen» von der Feldrebengrube «zu den Trinkwasserfassungen Hard im heutigen Zustand ausgeschlossen werden kann». Dem widersprechen Peter Huggenberger, Geologieprofessor an der Universität Basel, in einem Gutachten sowie eine im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace von mir verfasste Studie mit Verweis auf die nicht schlüssigen Ausführungen von Sieber Cassina + Partner. Nun beauftragt der Kanton Basel-Landschaft das Geologiebüro Matousek, Baumann & Niggli AG (mbn) mit einem Gesamtüberblick über die Verschmutzungs- und Grundwasserverhältnisse.

 

Von Nein zu 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, unwahrscheinlich zu nicht untersucht

2008 erachtet mbn zumindest «zeitweise» einen Nord-West-Abfluss in die Trinkwasserbrunnen noch «als wahrscheinlich». Im Gegensatz zu Sieber Cassina + Partner schätzt mbn das Risiko auf 50 Prozent, dass heute Schadstoffe aus der Feldrebengrube ins Trinkwasser gelangen. Als «kaum möglich» aber beurteilt dasselbe Büro 2009 einen Nord-West-Abfluss unter Berücksichtigung «von neuen Grundwasseranalysen und anderer Daten». Es stellt aber gleichzeitig fest, der Nord-West-Abfluss sei noch gar nie eingehend untersucht worden: «Durch genaue Kenntnis der Grundwasserfliessrichtungen in diesem Bereich, kann die Herkunft der im Westen des Hardwaldes leicht erhöhten Schadstoffkonzentrationen wesentlich besser beurteilt werden.» Obwohl eine Atrazin-Verunreinigung bereits vor 23 Jahren Schmassmanns lange gehegte Annahme eines Nord-West-Abflusses bestätigt, untersucht das Baselbieter Umweltamt (AUE) diesen 2009 erneut. Das Amt scheint also nicht den besten Überblick über die Studien Schmassmanns und dessen klare Erkenntnisse zu haben. Dies, obwohl die Behörde diese Studien in den vergangenen Jahrzehnten in Auftrag gegeben hat.[2]

Was Schmassmann schon 1986 erkannt hat, bestätigt nach jahrelangem Hin und Her nun die Uni Basel (gemäss Basler Zeitung im Auftrag des AUE) erneut, dass dieser Nord-West-Abfluss unter gewissen Bedingungen möglich ist.

 

Auch Deponien Rothausstrasse und Margelacker können Trinkwasser verschmutzen

Doch nicht nur das: Gemäss der Modell-Studie der Uni Basel können unter gewissen Voraussetzungen auch die Chemiemülldeponien Rothausstrasse und – untergeordnet – Margelacker das Wasser des Trinkwasserbrunnens «Obere Hard» der Gemeinde Muttenz verschmutzen, wie die Basler Zeitung berichtet. Diesen Verdacht hege ich schon lange, wie in meiner Studie von 2007 im Auftrag von Greenpeace nachzulesen ist: Denn im Trinkwasser des Brunnens «Obere Hard» kommen zahlreiche Schadstoffe vor, die ebenso bei der Chemiemülldeponie Rothausstrasse zu finden sind.[3]

Im Gegensatz zur Feldrebengrube betrachten Industrie und Kanton die beiden Deponien Rothausstrasse und Margelacker nur als «überwachungsbedürftig». Daran zweifeln 2009 schon die SBB.[4] Mit der neuen Studie der Uni Basel steigt der Druck zu einer anderen Beurteilung.

 

Rothausstrasse und Margelacker: Gemäss Altlastenverordnung zwingend zu sanieren

Denn gemäss Artikel 9 der Eidgenössischen Altlastenverordnung müssen Deponien zwingend saniert werden, wenn «bei Grundwasserfassungen, die im öffentlichen Interesse liegen, vom Standort stammende Stoffe festgestellt werde.[5] Mit anderen Worten: Tauchen im Trinkwasser Deponiechemikalien auf, muss die Deponie unabhängig von den Schadstoffkonzentrationen auf jeden Fall saniert werden. Im Trinkwasser gilt für Schadstoffe aus Deponien sinnvollerweise eine Nulltoleranz.

Dass der Trinkwasserbrunnen Obere Hard der Gemeinde Muttenz ein öffentliches Interesse erfüllt, ist nicht bestreitbar. Um das Trinkwasser für 200'000 Menschen aus der Muttenzer Hard langfristig zu schützen, müssen deshalb neben der Deponie Feldreben auch der Chemiemüll in den Deponien Margelacker und Rothausstrasse auf Kosten der Verursacher weggeräumt werden.

 

Höchste Zeit für mehrstufige Trinkwasseraufbereitung bei der Hardwasser AG

Dank dem öffentlichen Druck von Umweltorganisationen und anderen Institutionen muss die Hardwasser AG seit 2007 ihr Trinkwasser aufbereiten. Sie tut dies mit einem Aktivkohlefilter. Dies, obwohl bekannt ist, dass zahlreiche Schadstoffe, die im Grund- und teilweise auch im Trinkwasser der Muttenzer Hard nachgewiesen werden, nicht mit Aktivkohle aus dem Trinkwasser herausgefiltert werden können. Deshalb hat die Gemeinde Muttenz beschlossen, ihr Trinkwasser mit einer mehrstufigen Anlage aufzubereiten, um auch diese Schadstoffe aus ihrem Trinkwasser herausholen zu können. Als Folge der neuen Studie der Uni Basel sollten endlich auch die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft als Besitzer der Hardwasser AG handeln: Auch sie sollten dieses Trinkwasser gemäss dem Stand der Technik und des Wissens mehrstufig aufbereiten, um ihre Bevölkerung sicher vor Deponie-Chemikalien im Trinkwasser zu schützen.

 

Martin Forter

 

Basel, 12. November 2010



[1]         Susanna Petrin: Deponien können Wasser gefährden, in: Basler Zeitung vom 12.11.2010.

[2]         Quellennachweise: siehe Martin Forter: Falsches Spiel. Die Umweltsünden der Basler Chemie vor und nach «Schweizerhalle», Zürich 2010, S. 39-44.

[3]         Martin Forter: Plädoyer für einen regionalen Grund- und Trinkwasserschutz in der Muttenzer Hard, Stellungnahme zu den Abschlussberichten der Chemiemülldeponien Feldreben, Rothausstrasse und Margelacker in Muttenz, im Auftrag von Greenpeace Schweiz, zu Handen des Amts für Umweltschutz und Energie des Kantons Basel-Landschaft, Basel, 27. 2. 2008, S. 38.

[4]         Martin Matter: SBB verlangen Deponie-Sanierung, in: Basler Zeitung vom 4. 6. 2009.

[5]         Der Schweizerische Bundesrat: Verordnung über die Sanierung von belasteten Standorten

          (Altlasten-Verordnung, AltlV) vom 26. 8. 1998 (Stand vom 1. 1. 2009), S. 4.